Bericht des Fernsehmagazins „Report Mainz“: Gewaltsames Elefantentraining im Erlebnis-Zoo Hannover

Am 04.04.2017 beschäftigte sich die Reportagereihe "Report Mainz" der ARD kritisch mit den Trainingsmethoden des Erlebniszoos Hannover, die dort bei den Asiatischen Elefanten angewendet werden. Die Videos waren  an verschiedenen Tagen im September 2016 mit versteckter Kamera aufgenommen worden.

Die Aufnahmen zeigen, wie eines von drei der zu diesem Zeitpunkt 2,5 bzw. 3 Jahre alten Jungtiere von Mutter und Gruppe separiert und im Nebengehege unter massivem Hakeneinsatz trainiert und diszipliniert wurde. Der Zoo Hannover ist Mitglied sowohl in den Zooverbänden EAZA und VDZ wie auch im Zuchtprogramm (EEP) für Asiatische Elefanten. Von Fachgremien empfohlen wird bereits seit längerem für Elefantenhalter der Umstieg auf das Haltungssystem des Geschützten Kontakts.  

Zeigen die Szenen nun Tierquälerei in einem wissenschaftlich geleiteten Zoo oder werden hier unverzichtbare Routinemaßnahmen von emotionalen Tierschützern falsch bzw. überinterpretiert?

Das für den Fernsehbeitrag verwendete Videomaterial bewertet unser Verein wie folgt: 

Zu sehen sind Trainingsmethoden, die bei weitem über jedes normale Maß im direkten Umgang mit Elefanten hinausgehen. Das Kalb wird vom Revierleiter fortwährend dazu angetrieben, die ihm antrainierten Zirkustricks sowie Arbeitselemente auszuführen. Gezeigt werden u.a. Hinterbeinstand und andere Varianten des Zweibeinstandes, schnelle Pirouetten auf dem Boden oder einer Baumscheibe als Podest, Hochsitzen, teils mit einem Ast im Rüssel und Hinknien. Das Antreiben erfolgt mit einer Vehemenz und derart aggressivem Hakeneinsatz, dass dem jungen Elefanten nicht ausreichend Zeit gelassen wird, eine Übung auszuführen. Im Gegenteil: Noch während das Tier augenscheinlich ängstlich bemüht ist, den Kommandos nachzukommen, wird es mit der Hakenspitze zu schnellerem Arbeiten angetrieben bzw. in der Ausführung korrigiert. Die Disziplinierung ist teils derart rabiat, dass sie mit "brutal" nur unzureichend beschrieben wird. Der Chefpfleger stößt und schlägt das Elefantenkalb unter Nutzung des spitzen Elefantenhakens. In manchen Szenen ist unverkennbar, wie er  mit voller Körperkraft an dem am Elefanten „eingehängten“ Haken reißt. Bearbeitet werden dabei  ganz bewusst Körperstellen, an denen es einem Elefanten am meisten weh tut: an Kopf und Rüssel, den Ohren, im Maul, an den Vorderbeinen und am Bauch sowie dem Rückgrat. Egal wie sich das Kalb bemüht, die Kommandos auszuführen - die Disziplinierung erfolgt fortwährend mit roher Gewalt und nahezu ohne jede Belohnung.

Mehrmals ist deutlich zu erkennen, dass das verängstigte Tier vor Schmerz bzw. Angst brüllt. Als es versucht, vor dem fortwährenden Druck zu fliehen, hängt sich der Chefpfleger mit vollem Körpergewicht an den am Elefanten eingehakten Ankus. Weitere anwesende Pfleger mit Elefantenhaken vereiteln den Fluchtversuch.

Diese völlig unverhältnismäßige Machtdemonstration kann nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass die Pfleger im Direkten Kontakt von den Elefanten als Leittiere anerkannt werden müssen und sich entsprechend durchsetzen müssen. Nicht jeder Elefant ordnet sich dauerhaft menschlichen Betreuern unter. Wenn rohe physische und psychische Gewalt nötig sind, um Elefanten kontrollieren zu können, ist der Direkte Kontakt für solch ein Tier nicht mehr geeignet. Einerseits stellt dies Tierquälerei dar, andererseits gibt es etliche Beispiele von Elefanten, die in extremen Stresssituationen, wie sie bei starker Bedrängnis durch Disziplinierungsmaßnahmen entstehen, aus purer Abwehr zum (Gegen)Angriff übergehen. Dass dabei auch schon Jungtiere ab etwa 2 Jahren Menschen töten können und dies auch wiederholt taten, ist kein Geheimnis.

Das auf den Filmaufnahmen zu sehende Elefantentraining hat für die Pflege und medizinische Betreuung keinerlei Wert und ist deshalb auch durch nichts zu rechtfertigen. „Zirkustraining“ dient allein dem Showeffekt, sollte jedoch auch in einem „Erlebniszoo“ bei wissenschaftlichem Anspruch nichts zu suchen haben. Zirkustricks wie Stehen auf den Hinterbeinen und aufrechtes Sitzen überlasten Knochen, Bänder und Gelenke eines Elefanten, die für diese Belastungen nicht ausgelegt sind. Langzeitfolgen können schmerzhafte Gelenk- und Knochenerkrankungen sein, die zum Tod führen können. Diese Tricks werden von Fachtierärzten deshalb als gesundheitsschädlich eingestuft.

- Die gezeigten Szenen sind zudem nur die „Spitze des Eisbergs“. Die Elefantenkälber beherrschen zum Zeitpunkt der Aufnahmen die geforderten Zirkustricks bereits sehr gut und führen die Kommandos eilig, teilweise geradezu hektisch aus. Mit welchen Methoden dieser kasernenartige Gehorsam erreicht wurde, ist nach Sichtung der Videoaufnahmen zu erahnen.

- Am Verhalten der jungen Elefanten ist deutlich zu erkennen, dass es sich nicht um sinnvolle Beschäftigung zur Vermeidung von Langeweile („behavioural enrichment“) handelt. Die Elefanten haben bei der Ausführung der Kunststücke sichtbar Angst vor ihren Betreuern und stehen angesichts des permanenten Hakeneinsatzes unter massivem Stress.

Ebenso wenig kann sich der Zoo darauf berufen, dass es sich bei der Aufnahme um ein singuläres Ereignis handelt, welches nicht den alltäglichen Abläufen entsprechen würde.

Bereits seit dem Jahr 2004 erreichten Elefanten-Schutz Europa Berichte von verschiedenen Zoobesuchern, die Zeugen von Zirkustraining, brutalem Hakeneinsatz und fragwürdigen „Erziehungsmethoden“ wie das stundenweise Trennen schreiender Elefantenbabys von ihrer Mutter geworden waren. Elefanten-Schutz Europa berichtete über die Missstände bereits im Elefanten-Magazin 7/2005 ausführlich und kontaktierte die damalige Zooleitung. Die Verantwortlichen gaben seinerzeit jedoch keine inhaltliche Stellungnahme ab. Man beschränkte sich darauf zu versichern, dass die Elefanten in Hannover „mit hoher fachlicher Kompetenz und großer Zuneigung“ betreut würden. Chefpfleger bei den Hannoveraner Elefanten war damals bereits derselbe Mann wie heute.

Da aussagekräftiges Bildmaterial bisher fehlte, war es für die Zooleitung einfach, sich mit Worthülsen der Kritik zu entziehen. Denn die Elefantenpfleger in Hannover wissen die Methoden, die sie anwenden, in der Regel gut vor den Besuchern zu verstecken. Szenen wie nun von „Report Mainz“ gezeigt ereignen sich zumeist in nicht einsehbaren Gehegen oder außerhalb der Zoo-Öffnungszeiten; vor Publikum genügt dann meist die Drohung mit dem Elefantenhaken, um derart trainierte Elefanten zu Gehorsam zu bewegen. Solche Szenen sind ebenfalls von "PETA" gefilmt worden.

Nun liegen aber Beweise vor, die nicht wegdiskutiert oder verharmlost werden können. Angesichtes der Videoaufnahmen macht es fassungslos, dass Zoo-Geschäftsführer Casdorff die Vorwürfe leugnet und angibt, die Elefanten würden nicht geschlagen, sondern mit dem Haken lediglich geführt und „angestupst“. Elefanten-Schutz Europa fordert die Leitung des Zoo Hannover auf, sofort zu handeln. Auf Gewalt basierende Trainingsmethoden haben in einem wissenschaftlich geleiteten Zoo, der seine Daseinsberechtigung in Naturschutz und Umweltbildung sieht, nichts zu suchen! Es ist dringend erforderlich, das Haltungssystem kurzfristig auf Geschützten Kontakt umzustellen und die erforderlichen  personellen Konsequenzen zu ziehen.

Ergänzende Hintergrundinformationen: 

  • Das im Zoo Hannover angewandte Haltungssystem nennt sich „Direkter Kontakt“. Dabei betreten die Pfleger das Gehege der Elefanten und behandeln diese wie Haustiere. Um den Pfleger vor Verletzungen zu schützen, ist es im „Direkten Kontakt“ erforderlich, dass der Elefant gehorcht und den Menschen als ranghöher anerkennt. Das geschieht – wie in dem von „Report Mainz“ veröffentlichten Filmmaterial zu sehen – oft nicht durch Liebe, Belohnungen und Geduld, sondern durch Dominanztraining. Dabei ist der Elefantenhaken in diesem Haltungssystem, das in Hannover mit Kühen und Kälbern praktiziert wird, unverzichtbares Hilfsmittel.  Es gibt allerdings erhebliche Unterschiede bei der Art und Weise, wie Elefantenpfleger im „Direkten Kontakt“ ihre Rolle verstehen und wie viel Druck und Gewalt auf die Tiere ausgeübt wird.

  • Im Gegensatz zum „Direkten Kontakt“ beruht das moderne Haltungssystem des „Geschützten Kontakts“ auf freiwilliger Mitarbeit des Elefanten und Belohnungen. Mensch und Tier sind dabei stets durch einen Zaun getrennt, was den Menschen vor Unfällen und Angriffen schützt und so den unbedingten Gehorsam des Elefanten entbehrlich macht. Das Tier wird durch Belohnungen dazu motiviert, beim Training mitzumachen und lernt, durch ein Gitter alle Körperteile (z.B. Füße, Ohren, Schwanz) zu präsentieren und Behandlungen zu tolerieren. Es steht dem Elefant jederzeit frei, beim Training nicht mitzumachen, ohne dass er dafür bestraft würde. Trotzdem sind sämtliche pflegerischen und tierärztlichen Behandlungsmaßnahmen uneingeschränkt durchführbar.

  • Zahlreiche Zoos in Deutschland, Europa und Nordamerika beweisen seit vielen Jahren, dass Elefanten im „Geschützten Kontakt“ genauso gut oder sogar noch besser gepflegt und medizinisch behandelt werden können als im „Direkten Kontakt“. Zu den Vorreitern in Deutschland zählen u.a. die Zoos in Köln, Osnabrück und Heidelberg.

  • In den letzten Jahren kündigte der Zoo Hannover bereits an, mittelfristig die Haltung der Elefantenkühe und Jungtiere auf Geschützten Kontakt umzustellen. Dass dies bisher nicht geschehen sei, wird vorrangig dadurch begründet, dass sich die Gegebenheiten im Stall nicht für PC eignen würden und man zuvor umbauen müsse. Wahrscheinlich ist es jedoch auch im Erlebniszoo Hannover eher die Einstellung des Pflegerteams, die einen Wechsel des Haltungssystems verzögert. Dabei wäre eine Abschaffung des Zirkustrainings und eine Umstellung auf Körperpflege und medizinische Behandlungen nur durch ein Gitter ohne Hakeneinsatz sofort ohne kostenträchtige Umbaumaßnahmen möglich.

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