Karlsruher Elefantenherde wird größer?

Hintergründe zur geplanten Aufnahme zweier weiterer Elefanten und Richtigstellung unzutreffender Aussagen des kommissarischen Zoodirektors Dr. Clemens Becker

Nach einem Bericht der Zeitung „Badische Neueste Nachrichten“ vom 13. Dezember 2014 sollen die Asiatischen Elefantenkühe „Louise“ (41 J.) und „Astra“ (34 J.) Anfang 2015 aus dem Tierpark Berlin in den Zoo Karlsruhe
umziehen.

Wenn dieser Transfer tatsächlich so stattfindet, würde das für die Elefanten in beiden Zoos eine massive Verschlechterung der Situation darstellen und dazu für die Elefantenpfleger im Zoo Karlsruhe das Unfallrisiko dramatisch steigern.

1. Die Elefantenanlage im Karlsruher Zoo misst nur ca. 1.700 m2. Die neuen Haltungsempfehlungen im Säugetiergutachten fordern Elefantengehege von nicht unter 2.000 m2 und 500 m2 je Elefantenkuh. Karlsruhe könnte also maximal 3 Weibchen halten und pflegt aktuell bereits 3 Elefanten – allein deshalb ist der Transfer unverantwortlich.

2. Bereits jetzt ist die Situation der in Karlsruhe lebenden Elefanten weder sozial noch im Hinblick auf den zur Verfügung stehenden Platz gut: Da „Jenny“ (32 Jahre) gegenüber den beiden alten Elefantenkühen „Rani“ (59 J.) und „Shanti“ (58 J.) zu dominant und aggressiv ist, müssen die Tiere immer wieder voneinander getrennt werden. Dazu wird die sowieso schon kleine, vom Platzangebot her völlig veraltete Außenanlage mit einem Seil in zwei Teile geteilt.

Diese Situation würde sich durch die Ankunft von zwei weiteren Elefanten massiv verschärfen, vor allem, weil die Berliner Elefantinnen „Astra“ und „Louise“ einander bestenfalls tolerieren, ohne dass eine sozial positive Bindung besteht. Im Gegenteil: beide Weibchen würden ihre einzigen Berliner Sozialpartner zwangsläufig verlieren.

In sozialer Hinsicht gehört „Astra“ in der Tierparkherde zu Zuchtkuh „Kewa“ und deren beiden Töchtern. Da diese Familie keinesfalls nach Karlsruhe geschickt werden kann, wäre eine Trennung für „Astra“ unvermeidlich. Die dominante „Louise“ ist dagegen mit einer anderen Tierparkelefantin, „Frosja“, eng befreundet. Normalerweise müsste „Louise“ mit Frosja“ nach Karlsruhe umziehen, denn die Empfehlungen der Elefanten-Expertengruppe des europäischen Zooverbandes fordern, relevante Sozialgruppen bei Transfers nicht zu trennen. Doch „Frosja“ hat in Berlin bereits Pfleger verletzt und Karlsruhe hat wider besseres Wissen und entgegen der Forderungen der EAZA-Expertenkommission beim Umbau des Elefantenhauses auf den Einbau geeigneter Sicherheitsvorkehrungen verzichtet. Der Zoo Karlsruhe kann deshalb „Frosja“ nicht übernehmen und hat deshalb von „Frosjas“ Übernahme Abstand nehmen müssen und versucht stattdessen, „Astra“ zu erwerben, obwohl beide nicht befreundet sind und „Louise“ zeitweise aggressives Verhalten gegen „Astra“ zeigt. Da Elefanten sich nicht wie Schafe miteinander vergesellschaften lassen, wären zerstörte Bindungen und soziale Vereinsamung für die auf enge Bindungen angewiesenen, hochsensiblen Dickhäuter unweigerlich die Folge. Das bedeutet für alle beteiligten Tiere dauerhaft Stress und Leiden - auch für „Kewa“ und „Frosja“ in Berlin. Es ist nach den Erkenntnissen der modernen Verhaltensforschung unverantwortlich, enge soziale Beziehungen zwischen Elefantenkühen zu zerreißen.

3. Für die betagten Elefantenseniorinnen „Rani“ und „Shanti“ würde die Zusammengewöhnung mit „Louise“ und „Astra“ ein unkalkulierbares Risiko darstellen. Einander fremde, unverwandte Elefantenkühe sind selbst unter besten Bedingungen notorisch schwierig miteinander zu vergesellschaften. Somit wäre die Gefahr groß, dass der Zoo Karlsruhe nach Ankunft von „Astra“ und „Louise“ die dann fünf Elefanten dauerhaft in getrennten Gruppen halten muss. Angesichts der bereits jetzt beengten Platzverhältnisse ist es völlig unverantwortlich, dieses Risiko einzugehen. Außerdem wären bereits Zusammengewöhnungsversuche für die beiden betagten und gesundheitlich angegriffenen „Rani“ und „Shanti“ ein massives Risiko, da beide körperlich nicht in der Lage sind, sich gegen jüngere Elefanten zur Wehr zu setzen. „Rani“ wurde 2014 bereits mehrfach von „Jenny“ zu Boden geworfen und es grenzt an ein Wunder, dass sie dabei keine Verletzungen erlitten hat. Ausschließlich durch ständige Reglementierung durch die Pfleger ließe sich eventuell zeitweise für – trügerische - Ruhe sorgen. Doch Enge und Stress, hervorgerufen durch unpassende Mitelefanten und Drill durch die
Elefantenpfleger wären sicher das letzte, was man hoch betagten Elefantenseniorinnen wünschen kann. Die Berliner Elefanten zum geplanten Zeitpunkt zu übernehmen, würde Gesundheit und Wohlergehen der bei den Zoobesuchern beliebten Elefantendamen gefährden und hat das Potenzial, ihre Lebensdauer zu verkürzen. Einzig verantwortungsvolle Entscheidung wäre es, die Gesundheit von „Rani“ und „Shanti“ höher zu gewichten als das Interesse an einer schnellen Ankunft neuer Elefanten und folglich neue Tiere erst dann anzuschaffen, wenn die beiden verstorben sind.

4. Noch bedenklicher wäre der Transfer für die Gesundheit und das Leben der Elefantenpfleger. Die Ankunft neuer Elefanten steigert das Unfallrisiko beträchtlich, denn die meisten Unfälle, d.h. Angriffe von Elefanten geschehen mit Pflegern, die mit dem betreffenden Elefanten weniger als drei Jahre gearbeitet haben. Einen weiteren Risikofaktor stellt es dar, wenn es innerhalb der Elefantenherde Auseinandersetzungen gibt, was bei der Integration von „Astra“ und „Louise“ zu den sowieso untereinander nicht verträglichen Karlsruher Kühen unvermeidbar ist. Erschwerend kommt hinzu, dass „Louise“ bereits in Berlin in den letzten Jahren für die Pfleger im Umgang problematisch war – explizit in Phasen, in denen ihre Freundin „Frosja“ gesundheitliche Probleme hatte. Wie sie im Falle eines Transfers auf die neue Umgebung, die neuen Pfleger und die neuen Elefanten reagiert, noch dazu nach dem von Menschenhand geplanten Verlust der einzigen engen Sozialpartnerin seit fast 20 Jahren, ist völlig unvorhersehbar.

5. Das Unfallrisiko für die Elefantenpfleger ließe sich zwar durch Umstellung des Haltungssystems auf „Geschützten Kontakt“ („hands off“) ausschalten, aber das wird aus ideologischen Gründen von den Karlsruher Elefantenpflegern und der Zooleitung strikt abgelehnt und würde einige bauliche bzw. technische Anpassungen erfordern, denn bei der Erstellung des Anbaus an das Elefantenhaus wurde versäumt, die Tore entsprechend auszurüsten. Begründet wird das seitens der Verantwortlichen im Karlsruher Zoo und der Lokalpolitik damit, dass es dafür kein Bedürfnis gebe, da die Elefantenpfleger in der Lage wären, sicher mit den Tieren zu arbeiten und außerdem eine Umstellung alter Elefanten auf „Geschützten Kontakt“ unmöglich sei. Gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten hat Dr. Becker sogar behauptet, ältere Elefanten würden nicht mehr auf „hands off“-Haltung umgewöhnt.

Beides ist nachweisbar falsch: In den letzten Jahrzehnten haben sich mehrere Elefantenpfleger im Zoo Karlsruhe bei der Arbeit mit Elefanten z.T. schwer verletzt, auch wenn der Zoo diese Vorfälle verschweigt. Zudem wurden auch ältere Elefantenkühe in zahlreichen Zoos ohne jede Probleme auf „Geschützten Kontakt“ umgestellt und werden heute ebenso gut wie im „Hands on“-System versorgt, nur mit dem Vorteil, dass die Pfleger ohne Gefahr für Leib und Leben arbeiten können. Die Elefanten begreifen das neue Trainingssystem in aller Regel bereits nach wenigen Tagen! Einige Beispiele dafür sind die Elefanten der Zoos Köln, Krefeld und Erfurt, Blackpool und Twycross (beide England),Zürich (Schweiz), Blair Drummond (Schottland), Belfast (Nordirland), Terra Natura Benidorm (Spanien), Kopenhagen (Dänemark), San Diego und Phoenix (beide USA). Anzumerken sei in diesem Zusammenhang noch, dass Gesprächsangebote seitens Elefanten- Schutz-Europa aus dem Herbst 2014 zur Herstellung eines Dialogs über die Verbesserung der Elefantenhaltung im Karlsruher Zoo leider sowohl von Herrn Dr. Becker als auch dem für den Karlsruher Zoo verantwortlichen Bürgermeister Obert abgelehnt wurden.

6. Im Artikel wird behauptet, dass der Koordinator des Erhaltungszuchtprogrammes den Umzug der beiden Tiere nach Karlsruhe angeregt habe. Fakt ist jedoch, dass trotz bestehender Zuchtprogramme manche Zoos immer noch eigenständig Elefantentransfers aushandeln. Doch selbst wenn solche Transfers den Prinzipien der EEP-Experten entgegenstehen, weil wie im Fall Karlsruhe die von der Kommission geforderten Sicherheitsvorkehrungen nicht eingebaut oder befreundete Elefanten getrennt werden würden, hat das EEP hiergegen keine Handhabe.

Elefanten-Schutz-Europa fordert die Verantwortlichen sowie die Lokalpolitik beider Städte auf, den geplanten Transfer von „Astra“ und „Louise“ nach Karlsruhe zu unterbinden und stattdessen für die Elefanten beider Zoos eine Lösung zu suchen, die den Platzverhältnissen der Karlsruher Elefantenanlage, den sozialen Bedürfnissen der Elefanten und der Verantwortung gegenüber den im Zoo Karlsruhe beschäftigen Elefantenpflegern gerecht wird. Der Zoo Karlsruhe ignoriert bereits seit Jahren die Empfehlungen der EEP-Expertenkommission für Elefanten und würde die Situation mit der Anschaffung von „Astra“ und „Louise“ weiter verschlimmern.

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