Infantizid im Zoo Halle: Die Tragödie um Elefantenkuh „Bibi“ und die Afrikanischen Elefanten im Tierpark Berlin und im Zoo Halle

Am 17.9.2013 gegen 9 Uhr morgens brachte die ca. 28-jährige Afrikanische Elefantin „Bibi“ im Zoo Halle ein weibliches Jungtier zur Welt, das sie direkt nach der Geburt angriff und tötete. Das Kalb starb an Verletzungen, die ihm die Mutter mit den Stoßzähnen zugefügt hatte. Die Geburt fand in den Bullenboxen des Elefantenhauses, die als Geburtsstall dienten, ohne Ankettung und ohne menschliches Eingreifen statt. „Bibis“ 6-jährige Tochter „Panya“ war bei der Geburt dabei, die übrigen Elefantenkühe hingegen abgesperrt.

Die Aggressionen von „Bibi“ sind auf den ersten Blick völlig unverständlich, da „Bibi“ eine erfahrene Mutter ist und vor ihrem Transfer nach Halle im Tierpark Berlin bereits zwei Töchter problemlos aufgezogen hat. Obwohl bisher im Tierpark Berlin grundsätzlich alle Geburten – auch bei sehr erfahrenen Mutterkühen – an Ketten stattfinden und die Elefantenpfleger Mutter und Kind direkt nach der Geburt „sicherheitshalber“ trennen sollten, brachten einige Mütter ihre Jungtiere allein und ohne menschliches Eingreifen zur Welt, so auch „Bibi“. Bei der Geburt von „Matibi“ 1999 war „Bibi“ angekettet, da damals noch alle Elefanten im Tierpark über Nacht routinemäßig an die Kette gelegt wurden; jedoch fand die Geburt morgens vor dem Eintreffen der Pfleger und damit auch ohne menschliche Intervention statt. „Bibi“ war damals nach der Geburt unruhig, nennenswerte Probleme gab es aber nicht. „Panya“ wurde  2007 früh morgens auf der Außenanlage – wiederum ohne menschliche „Hilfe“ – geboren. Nach Angaben sei sie jedoch zunächst davongelaufen und zeigte Aggressionszeichen, weshalb man auf eine Zusammenführung durch die Pfleger setzte. Angesichts dieser Vorgeschichte war die Entscheidung der Verantwortlichen in Halle, „Bibi“ ohne Ketten und im Beisein ihrer Tochter „Panya“ gebären zu lassen, absolut nachvollziehbar und richtig, denn Elefantenkühe, die ohne Ketten und ohne Störung durch Pfleger gebären dürfen, sind signifikant ruhiger, seltener aggressiv und leiden seltener unter Geburtsstörungen. Dass eine Elefantenkuh, die bereits ein Kalb erfolgreich aufgezogen hat, bei einer späteren Geburt aggressiv reagiert, ist extrem ungewöhnlich – meistens treten derartige Probleme bei erstgebärenden Kühe auf, und selbst bei erstgebärenden Elefantinnen sind ernsthafte Aggressionen gegen das eigene Kalb nicht häufig. Die Infantizidrate betrug zwischen 1875  und dem 01.06.2012 bei 672 Elefantengeburten in Europa, Nordamerika und Australien lediglich 3,3%.

Zur Ursachenforschung für das Drama bei „Bibis“ dritter Geburt sollte man den einzigen Faktor betrachten, der sich in „Bibis“ Leben seit den Geburten 1999 und 2007 entscheidend verändert hat: ihre soziale Situation. Die Zuchtgruppe Afrikanischer Elefanten im Tierpark Berlin bestand ursprünglich aus sechs adulten bzw. jungerwachsenen Kühen: „Dashi“ (geb. 1968), „Lilak“ (geb. 1971), „Mafuta“ (geb. 1981), „Pori“ (geb. 1981), „Bibi“ (geb. 1985) und „Sabah“ (geb. 1985). Diese Sechsergruppe bestand sozial gesehen aus drei Untergruppen von Weibchen samt Jungtieren. „Dashi“ hatte „Bibi“ direkt nach deren Ankunft im Tierpark 1987 unter ihre Fittiche genommen und quasi adoptiert; die beiden hatten bis zu „Bibis“ Abgabe nach Halle 2008 eine sehr enge Beziehung zueinander. „Lilak“, 1996 aus dem Zoo Berlin zu der Afrikanergruppe im Tierpark gestoßen, war eng mit der zweiten jungen Kuh „Sabah“ befreundet, und „Pori“ und Mafuta“, die vor ihrem Transfer nach Berlin zusammen im Zoo Magdeburg gelebt hatten, waren unzertrennlich.

Keine dieser drei Sozialgruppen ist heute noch intakt, obwohl nur ein einziges Tier („Sabah“) verstorben ist, denn der noch amtierende Tierparkdirektor Dr. Blaszkiewitz hat bei der Entscheidung, welche Tiere abgegeben werden, auf die sozialen Beziehungen der Tiere keinerlei Rücksicht genommen. So stehen heute mit „Bibi“,  „Mafuta“ und mit „Poris“ Tochter „Tana“  in Halle drei Weibchen, die zueinander keinerlei positive Bindungen haben, während sich im Tierpark „Dashi“, „Lilak“, „Pori“ und die Tochter der inzwischen verstorbenen „Sabah“, „Kariba“ miteinander arrangieren müssen.  Diese rücksichtslose Abgabepolitik von Dr. Blaszkiewitz ist auch die alleinige Ursache dafür, dass in Halle keine erwachsene Elefantenkuh vorhanden ist, die „Bibi“ bei der Geburt hätte beistehen können – „Dashi“, die bei „Bibis“ früheren Geburten immer in ihrer Nähe war und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen beruhigenden Einfluss hatte, musste im Tierpark zurück bleiben. „Bibis“ Verhalten in Halle legt nahe, dass sie sich vor allem mit der dort dominanten „Mafuta“ arrangiert hat, befreundet sind die beiden aber nicht. Insofern ist auch die Entscheidung des Zoo Halle, „Mafuta“ aus Furcht vor Auseinandersetzungen mit „Bibi“ nicht mit in den Geburtsstall zu lassen, absolut nachvollziehbar, zumal „Mafuta“ kein ausgeprägtes „Tantenverhalten“ zeigt. Für „Bibi“ waren die Abgabe nach Halle ohne „Dashi“ und die bereits zuvor erfolgte Trennung von ihrer älteren Tochter „Matibi“ durch deren Transfer nach Osnabrück weitere einschneidende, traumatische Ereignisse. Diese haben das Potential, sich bei einem bereits zuvor traumatisierten Tier („Bibi“ hat wie alle importierten Wildelefanten beim Einfangen ihre Familie verloren) dramatisch auszuwirken. Dabei handelt es sich nicht um „Gefühlsduselei“, sondern um Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Dass „Bibi“ in ihrem Leben (zu) viel mitgemacht hat, sieht man ihr auch an: sie zeigt mit Minderwuchs und starken Stereotypien typische körperliche Merkmale eines schwer traumatisierten Elefanten. Dass sie überhaupt wieder schwanger geworden ist, ist vor diesem Hintergrund das einzige, was überrascht – ihr aggressiver Ausbruch nach der Stresssituation Geburt mit der folgenschweren Attacke auf ihr Jungtier passt leider in das Gesamtbild.

Auch die Tierpark-Elefanten leiden sichtbar an der Situation, wie sie Dr. Blaszkiewitz geschaffen hat: „Dashi“ steht sozial völlig isoliert am Rand der Herde, hat mit „Bibi“ und deren Töchtern bereits drei Sozialpartnerinnen verloren. „Pori“ wird seit dem Verlust ihrer Freundin „Mafuta“ und ihrer Tochter „Tana“ nicht mehr schwanger. Sie hat keine enge weibliche Sozialpartnerin mehr. Seit dem Auseinanderreißen der Sozialgruppen im Tierpark ist die Fortpflanzung in der Afrikanergruppe  völlig zum Erliegen gekommen. Die zweite im Tierpark verbliebe Zuchtkuh, Elefantin „Sabah“, wurde 2010 von „Pori“ so schwer verletzt, dass Sabah“ an den Folgen verstarb. Um „Sabahs“ verwaiste Tochter „Kariba“ (geb. 2006) kümmert sich seit dem Tod ihrer Mutter glücklicherweise deren Freundin „Lilak“, die dominante Kuh der Herde, doch leider wird die Beziehung der beiden zueinander vom Tierparkmanagement (mal wieder) komplett ignoriert: „Lilak“ und „Kariba“ werden im Haus getrennt voneinander so  aufgestallt, dass nicht einmal Rüsselkontakt möglich ist. Waisenkind „Kariba“ muss damit je nach Jahreszeit 14-18 Stunden oder noch länger ohne Kontakt zu ihrer Pflegemutter auskommen, was nicht dazu beitragen wird, die psychischen und körperlichen Folgen des Traumas, das bei einem hochsozialen Lebewesen wie einem Elefanten durch den frühen Verlust der Mutter ausgelöst wird, zu vermindern. Auch „Kariba“, obwohl zoogeboren, zeigt inzwischen Wachstumsrückstände und Verhaltenssstereotypien.

Die Transferentscheidungen von Dr. Blaszkiewitz in den letzten Jahren betreffend die Afrikanischen Elefanten haben damit nicht nur auf das Wohlbefinden der Tiere dramatische, tierschutzrelevante  Auswirkungen, sondern verhindern auch eine Fortsetzung der früher so erfolgreichen Zucht. Es ist dringend erforderlich, zwischen Halle und dem Tierpark Berlin Elefantenkühe auszutauschen, wenn  man weitere erfolgreiche Nachzucht haben will, und zwar gerade auch mit Blick auf die beiden Jungkühe in Halle, „Tana“ und „Panya“, sowie „Kariba“ in Berlin. Rücksichtnahme auf die sozialen Beziehungen von Afrikanischen Elefanten ist keine Gefühlsduselei für idealistische Tierfreunde, sondern notwendige Voraussetzung für den Aufbau einer sich selbst erhaltenden Population in Menschenhand!

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