Zoo Halle ermöglicht Elefantenmutter und Gruppe natürlichen Lernprozess zum Geburtsablauf

In der Nacht vom 21. auf den 22.09.2015 brachte die Afrikanische Elefantenkuh "Bibi" während der ersten Gruppengeburt des Hallenser Zoos auf der Außenanlage ein weibliches Jungtier zur Welt. Unter den Geburtsschmerzen und Stress attackierte sie es unmittelbar und verletzte es mit Kopfstössen tödlich. Von der dominanten "Mafuta" abgedrängt, beruhigte sich "Bibi" aber und ihr Mutterinstinkt setzte ein. Sie versuchte nach Angaben des Zoos, das reglose Jungtier aufzurichten und wich ihm nicht von der Seite. Auch die anderen Elefanten beschnüffelten unter der Aufsicht von "Mafuta" vorsichtig das am Boden liegende Jungtier. Erst nach mehreren Stunden konnte "Bibi" in den Stall gelockt werden. 

Bemerkenswert sind daran mehrere Umstände

Obwohl dies für "Bibi" die vierte Geburt war, hatte sie vorher nicht ausreichend Gelegenheit, den vollständigen Lernprozess der nachgeburtlichen Annahme ihrer Neugeborenen zu durchleben. Nachdem sie bei den beiden ersten noch in Berlin geborenen Jungtieren nervös war und Anzeichen auf mögliche Aggressionen hindeuteten, wurden ihr jeweils beide Töchter weggenommen und unter Pflegeraufsicht erst nach ihrer Beruhigung wieder zugeführt. Ihr drittes Kalb - der erste in Halle geborene Elefant - wurde von ihr unangekettet in einer Box geboren, begleitet von der älteren Tochter "Panya". Doch nachdem sie dieses Neugeborene ebenfalls direkt angegriffen hatte, wurde das Baby schnellstmöglich herausgezogen, um ihm eventuell noch das Leben zu retten. Es war jedoch bereits tödlich verletzt gewesen. Bei allen drei Geburten hatte sie das Neugeborene nicht lange genug und ungestört von menschlichem Einfluss bei sich, bis trotz Geburtsschmerz und Stress die Mutter-Kind-Bindung einsetzte. Erschwert wird dieser Prozess durch ein mit hoher Wahrscheinlichkeit stark ausgeprägtes Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTSD), welches "Bibi" als Wildfangelefant nach Mutterverlust, Fangstress etc. möglicherweise handicapt. Die notwendigen Lernprozesse waren ihr erst bei der jüngsten Geburt möglich und haben nach Einschätzung der Beobachter auch stattgefunden.

Erfreulich ist auch die während der Geburt beobachtete gute Gruppendynamik. Obwohl sich die weiblichen Mitglieder der Hallenser Herde bereits aus Berlin kennen und in Halle weitgehend gut arrangiert haben, sind die Bindungen zwischen den nicht verwandten Kühen nicht so eng wie innerhalb gewachsener Familiengruppen. Trotzdem hat die dominante "Mafuta" in der Geburtssituation instinktiv richtig gehandelt und "Bibi" bis zur Beruhigung abgedrängt, wenn auch leider nicht rechtzeitig, um das Leben des Neugeborenen zu retten. Da "Mafuta" bisher wenig Interesse an Jungtieren gezeigt hat, verwundert ihr Engagement selbst Personen, die sie bereits lange kennen, aufs positivste. Ein situationsangepaßt guter Zusammenhalt selbst zwischen nicht gut befreundeten Kühen ist auch andernorts in der Ausnahmesituation von geplanten und auch ungeplanten Geburten in der Gruppe beobachtet worden (z.B. bei Hagenbeck, in Berlin oder kürzlich in Leipzig). Dies ist jedoch meist auf die unmittelbare geburtliche und nachgeburtliche Phase beschränkt und nicht unbedingt mit einem dauerhaften Zusammenwachsen der Herde gleichbedeutend.

Besonders positiv ist die Einstellung der Verantwortlichen im Hallenser Zoo hervorzuheben. Nachdem ursprünglich bereits eine Gruppengeburt geplant war, gab es zuletzt Überlegungen, das Überleben des Neugeborenen unter allen Umständen zu priorisieren und dafür "Bibi" zur Geburt abzutrennen, um das Jungtier sofort aus ihrem Einflussbereich ziehen zu können. Trotzdem hat man sich in Halle zur Gruppengeburt entschlossen und damit Kritik sowohl konservativer Elefantenzüchter als auch undifferenzierter Zoogegner in Kauf genommen.

Elefanten-Schutz Europa begrüßt sowohl diese Entscheidung als auch die Ankündigung, die weiteren anstehenden Geburten in der Gruppe stattfinden zu lassen. Dies hat dem Muttertier "Bibi" bei ihrer vierten Geburt ermöglicht, den Prozess von Geburt und Akzeptanz ihrer eigenen Neugeborenen zu begreifen, was sonst natürlicherweise bei Erstgebärenden stattfindet und keinesfalls immer problemlos abläuft. Die Chancen, dass "Bibi" zukünftige Jungtiere nicht mehr attackiert sondern annimmt und aufzieht, sind damit enorm gewachsen. Gleichermaßen hatten alle anderen Hallenser Kühe viel Gelegenheit zum Lernen, was die Aufzuchtchancen bei den zu erwartenden Geburten deutlich erhöht.

Die Entscheidung zur Gruppengeburt bei "Bibi"  ist aus unserer Sicht ein Beispiel für zeitgemäßes und zukunftsorientiertes Wildtiermanagement eines Zoologischen Gartens. Der Bergzoo Halle hat zwar einen neugeborenen Elefanten verloren, aber dadurch seine Chancen für erfolgreiche Aufzuchten bei den zu erwartenden Geburten gezielt, deutlich und mit Aussicht auf nachhaltigen Erfolg verbessert. So tragisch der Verlust dieses Jungtiers für alle Beteiligten ist: Elefanten-Schutz Europa wünscht dem Hallenser Zoo, dass seine Entscheidung zur Gruppengeburt bereits im kommenden Jahr von "Tana" und "Panya" belohnt wird.

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